Bericht aus einem muslimischen Land in Afrika von Irmtraud Kauschat

Irmtraud Kauschat ist eingeladen in einem UN-Projekt Gewaltfreie Kommunikation einzubringen, in dem es darum geht, dass Frauen Zugang zum traditionellen Justizsystem bekommen. Denn bislang werden die Frauen in Streitfällen von nächsten männlichen Angehörigen vertreten.

Bildquelle: Irmtraud Kauschat
Bildquelle: Irmtraud Kauschat

In diesem Artikel berichtet Irmtraud von ihren Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen und zwei Wundern, die sie in dank der GFK dort erlebte.

 

Es gab je 4 Trainings für die Ältesten und Frauen einer Frauengruppe aus der Umgebung einer Stadt und am 9. Tag ein

gemeinsames Treffen.

 

Wie zu erwarten gibt es viele Herausforderungen auf diesem Weg. Ich habe den Eindruck, dass wir wie in einem Labyrinth herumwandern, manchmal scheint der Mittelpunkt so nahe und dann sind wir wieder auf der äußersten Schleife und dann unerwartet in der Mitte.

 

So ging es mit einer Situation, die nicht direkt mit dem Justizsystem zu tun hat und gleichzeitig sehr präsent ist, vor allem für die Frauen: dabei geht es um verstümmelnde weibliche Genitalbeschneidung, FGM

 

In dieser Gesellschaft wird die drastischste Form der Genitalbeschneidung praktiziert. Mit erheblichen gesundheitlichen Folgen für die Frauen: es besteht die Gefahr, dass sie direkt danach verbluten, dass sie massive Menstruationsbeschwerden haben, dass sie Sexualität nur mit Schmerzen erfahren könne, dass die Geburt mit erheblichen Komplikationen belastet ist bis

hin zur Fistelbildung, d.h. dass eine Verbindung zu Blase Und/oder Darm entsteht dadurch dass das Gewebe einreißt mit erheblichen Folgen für das soziale Leben, wenn Urin und/oder Stuhlgang unkontrolliert abfließen.

 

Die Frauen bereiteten eine Liste mit Wünschen für das gemeinsame Treffen vor, bei denen sie sich die Unterstützung der Ältesten wünschten.  Ich hatte die Ältesten vorher gebeten, die Bitten nicht persönlich zu nehmen sondern als Bitte um Unterstützung. Das kam leider nicht an, sie hörten wohl jeden einzelnen Punkt als Vorwurf. Entsprechend war ihre Reaktion, insbesondere auf den Aspekt der Genitalverstümmelung. Einer der Ältesten antwortete: 

„Das ist nicht unsere Angelegenheit, IHR bringt eure Töchter zur FGM, es ist eine Frau, die diese vornimmt. Wir haben damit nichts zu tun.“

 

Als wir uns zum zweiten Mal trafen, war diese Szene noch lebendig in beiden Gruppen. Dieses Mal traf ich zuerst die Frauengruppe. Sie waren empört über die Aussagen der Ältesten, weil zum einen Väter diejenigen seien, die die letztendliche Entscheidung über die Beschneidung träfen, zum anderen es jungen Männer seien, die eine Jungen Frau nach der Hochzeitsnacht zurückschickten, wenn sie nicht beschnitten sei, mit der Begründung, sie sei keine Jungfrau mehr gewesen und damit Schande über die Familie brächten. Dazu erzählten sie sie entsprechende Erfahrungen.

 

Wir beschlossen, das nächste Treffen anders vorzubereiten und besprachen zunächst die gesundheitlichen und psychologischen Konsequenzen, die eine verstümmelnde Bescheidung auf die Frauen. Das wollten sie den Ältesten 

präsentieren, um mehr Verständnis zu bekommen für ihre Situation. 

 

Wir gingen in ein Rollenspiel, mit mir als Mediatorin, zwei Frauen repräsentierten ihr Gruppe, zwei Frauen die Ältesten. Dabei kam es wieder zu großer Spannung und lautstarker Auseinandersetzung, die auch nicht besser wurde. Als andere Frauen in diese Rollen gingen. An einem Punkt beendeten wir das Rollenspiel, weil es Zeit zum Mittagessen war.

 

Ich war etwas ratlos, wie es weitergehen könnte, dass beide Seite noch viel Empathie bräuchten, bevor sie einander wirklich mit ihren Anliegen hören könnten und war darauf vorbereitet.

Dann kam alles ganz anders: innerhalb von 7 Minuten hatten sich beide Seiten auf einen Plan geeinigt, wie FGM reduziert und am Ende abgeschafft werden könnte. Ich war verblüfft, das war einer der „Wundermomente“, den ich öfter mal mit GFK erlebe. Ich war neugierig, was in der Zwischenzeit geschehen war, denn ich hatte bei diesem Rollenspiel nicht mehr Spannung gespürt.

 

Sie erzählten mir, sie hätten sich an den Selbstempathie-Prozess erinnert, vor allem an meine Rat, wenn sie aufgeregt und

wütend seien, erst mal zu atmen. Das hatten sie in der Mittagspause getan. Danach war ich sehr erleichtert und guter Hoffnung, dass das auch beim Treffen mit den Ältesten möglich sein könnte.

 

Als ich mich danach mit den Ältesten traf, sprach ich auch das Thema an. Sie waren ebenfalls noch aufgebracht, aber eher darüber, dass Frauen in der Öffentlichkeit über das Thema gesprochen hatten, in ihrer Gesellschaft spricht man nicht über Geschlechtsteile.

 

Auf Anraten der lokalen Organisatorin erklärte ich, welche gesundheitlichen und psychologischen Folgen FGM für Frauen und damit auch für sie als Ehemänner hat, dass ihre Frau unter der Geburt sterben kann, das Baby behindert zur Welt kommen kann, ein Kaiserschnitt notwendig werden könnte, der viel kostet etc. Damit konnte ich sie erreichen und sie waren auch bereit, sich in einer Kleingruppenarbeit damit auseinanderzusetzen.

 

Derjenige, der beim letzten Mal so „zurückgeschossen“ hatte, war der erste Freiwillige in der  Gruppe. Das Ergebnis, mit dem sie in das gemeinsame Treffen gehen wollten, stimmte weitgehend mit dem der Frauen überein und ich war total erleichtert und beruhigt. 

Noch ein kleines „Wunder“.  Beim gemeinsamen Treffen tauschten sie sich ohne Spannung miteinander aus.

Bildquelle: Irmtraud Kauschat
Bildquelle: Irmtraud Kauschat

Das war für viele vermutlich das erste Mal, dass sich Männer und Frauen zu diesem Thema aussprachen. Sie entwickelten gemeinsam einen Plan, wie sie innerhalb von drei Monaten die FGM-Rate drastisch reduzieren wollen:

  1. Klären, dass FGM nicht in Übereinstimmung ist mit dem Islam, dazu Imame gewinnen, die dieses in den Freitagspredigten ansprechen - einige der Ältesten sind auch Imame und wollen das übernehmen.

  2. Die Lokalregierung ansprechen, damit diese Beschäftigung für die Frauen schafft, die die Beschneidung durchführen, damit sie andere Einkommensquellen haben - das hat sich in anderen Ländern als wichtige Bedingung erwiesen.

  3. Radioprogramme z.B. mit Ärzten, die über die Folgen aufklären können.

 

Ich freue mich riesig, ...

  • dass es am Ende so „einfach“ war, alle zusammen zu bringen und einen Plan aufzustellen, der zu einer deutlichen Verbesserung der Gesundheit von Frauen und Kindern und vermutlich auch zu zufriedeneren Partnerschaften beitragen wird.

  • dass die Frauen das Konzept der GFK verstanden haben und umsetzen konnten in einem Moment, in dem ich weitestgehend die Hoffnung aufgegeben hatte und ratlos war, wie es weitergehen könnte.

  • dass die GFK Selbst-Empathie und Empathie die „Werkzeuge“ zur Verfügung stellt, mit denen wir Verbindung auch in schwierigen Situationen möglich machen können. 

 

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