Verbindungspraxis statt Verschwörungstheorie

Bild von Rebekka D auf Pixabay
Bildquelle: www.pixabay.de

GFK und der empathische Umgang mit Menschen, die durch Corona und die aktuellen Maßnahmen verunsichert sind

Ungefähr alle 4 Wochen treffe ich mich in einer GFK Intervisionsgruppe. Dort tauschen wir uns zur GFK aus, unterstützten uns in schwierigen Lebensphasen und besprechen Themen, die uns beschäftigen, belasten und berühren. Heute ging es zum ersten Mal um Corona. Ein Thema, das vermutlich auch dich beschäftigt.

 

Als Fazit aus dem heutigen empathischen Austausch nahm ich mit, wie wichtig es für uns in dieser Gruppe ist, zu trauern und zu bedauern, aber auch zu feiern. Wie es zu dieser Erkenntnis kam? Das erfährst du, wenn du weiter liest. Marshall Rosenberg lud uns ein, all unser Lachen zu lachen und alle unsere Tränen zu weinen. Wir nennen das in unserer GFK Sprache auch: Feiern und Bedauern.

 

Wir feiern, wenn unsere Bedürfnisse sich erfüllen oder erfüllt sind. Dann fühlen wir uns gut, leicht, beschwingt, gesehen, erfreut, locker, entspannt, angenommen, verbunden, im Reinen, … Wir bedauern, wenn unsere Bedürfnisse sich nicht erfüllen. Dann fühlen wir uns schlecht, schwer, eng, unsichtbar, traurig, verkrampft, allein, genervt, irritiert, …

Die GFK lädt uns ein, uns unserer Gefühle und Bedürfnisse bewusst zu werden. Unseren Zustand zu reflektieren und zu hinterfragen, wie es mir geht und welches Bedürfnis erfüllt sind bzw. erfüllt werden will. Das ist der Kern, um den es in der Gewaltfreien Kommunikation geht. Mal gelingt diese Reflektion, mal gelingt sie nicht. Und wenn es nicht gelingt, ist das vielleicht ein Grund zum Verzweifeln – ganz sicher ist es ein Grund zum Trauern und Bedauern.

 

Wir haben heute Morgen in unserer Peergruppe festgestellt, dass die Menschen, die uns begegnen – uns eingeschlossen – viele Ängste und Sorgen haben. Die Ängste und Sorgen unterscheiden sich allerdings in ihrer Ausdrucksweise. Da gibt es Menschen, die haben Angst vor dem Virus, Angst sich oder andere anzustecken, Angst vor staatlicher Überkontrolle, Angst vor Bevormundung. Und es gibt Menschen, die haben Angst davor, dass sich unsere Demokratie auflöst. Dann gibt es die, die haben Angst vor der digitalen Gläsernheit, wieder andere sorgen sich, dass ihr Geschäft den Bach herunter geht. Es gibt die Coronamaßnahmengegner*innen, die Coronamaßnahmenbefürworter*innen, es gibt die Stillen, die Lauten, die, die rebellieren, die, die sich unterwerfen.

 

Irgendwie ist es doch wie immer, und gleichzeitig ist alles ganz anders. Denn es ist ja schließlich nix Neues, dass es Gegner*innen und Befürworter*innen gibt. Und es fiel doch schon immer irgendwie schwer gegensätzliche Meinungen in einen konstruktiven, verbindenden Austausch zu bringen. Meistens enden solche Diskussionen in einem Schlagabtausch von Argumenten, Fakten oder Meinungen. Und heraus gehen Menschen, die sich entweder überrumpelt fühlen, überredet überzeugt oder unterlegen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich nicht verbunden fühlen, nicht gehört und nicht gesehen, mit dem was wichtig ist.

 

 

Wie gelingt es denn aber, das was mir wichtig ist, sichtbar zu machen? Wie schaffe ich es gehört zu werden mit dem, was mir wichtig ist? Hier kommt Swami Sivanandas Ansatz zum Tragen. 1 Gramm Verbindungspraxis wiegt mehr als eine Tonne Verschwörungstheorie. Und wie? Machen, einfach machen.

 

Dank Marshall Rosenberg kennen wir die 4 Schritte, die es uns erleichtern, eine friedliche, gewaltfreie Sprache zu sprechen. Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte. Hilfreich und wichtig sind in diesem Zusammenhang die 3 Wege, die wir mit diesen 4 Schritten gehen können. Selbst-Einfühlung, Selbst-Ausdruck, Empathie schenken.

 

 

Natürlich kann es vorkommen, dass du dich verläufst oder bei den Schritten stolperst. Deshalb findest du hier eine Übungsanleitung, die dich unterstützt, auf dem von dir gewählten Weg zu bleiben. 

Anleitung zum gewaltfreien Umgang mit Menschen, die nicht deiner Meinung sind. Unabhängig um welches Thema es sich handelt:

Wachstumsmöglichkeit:

  • Selbst-Einfühlung oder
  • Empathie geben oder
  • Selbst-Ausdruck oder
  • Verbindungsbitten stellen – Verbindung herstellen und halten

 

Material 😊:

Gespräch mit einer Person, die anderer Meinung ist als du

Beschreibung der Übung:

In einer Situation, in der du feststellst, dass deine Gesprächspartner*in anderer Meinung ist als du, finde deinen Weg. Überlege dir ernsthaft, welchen der 3 Wege du gehen magst. Falls du dich für den Weg des Selbst-Ausdruck oder der Empathie entschieden hast und dir begegnet ein Hindernis, dann wähle den Weg der Selbst-Einfühlung. Drehe Schleifen und Runden auf diesem Weg, bist du dich wieder für einen der beiden anderen entscheiden kannst. Sei beruhigt, diese Wegkreuzungen begegenen uns allen immer und immer wieder.

 

Dennoch ist es wichtig, dass dir klar ist, auf welchem Weg du dich im Gespräch befindest. Denn dies erfüllt dir zunächst Klarheit. Klarheit in Bezug auf die weiteren Schritte.

  • Den Weg der Selbst-Einfühlung
  •  Den Weg des Selbst-Ausdruck
  •  Den Weg der Empathie

 

 

 

Die Wege sind gleichwertig zur Beschreibung ist es jedoch wichtig, sie in eine Reihenfolge zu packen. Deshalb beginne ich mit Selbst-Einfühlung.

Richtung: Selbst-Einfühlung

Gehe gedanklich zu einer Gesprächssituation, in der du dich im verbalen Schlagabtausch von Argumenten, Fakten und Meinungen wiedergefunden hast.

 

Verbinde dich mit deiner Beobachtung:

Was genau wurde gesagt? Welche Worte hörtest du von dir oder deinem Gesprächspartner*in?

Verbinde dich mit deinem Gefühl:

Wie ging es dir mit dem, was du hörtest? Benenne dein Gefühl und spüre, ob es eine Körperregion gibt, die du wahrnehmen kannst.

 

Verbinde dich mit deinem Bedürfnis:

Welches Bedürfnis blieb in diesem Gespräch bei dir unerfüllt?

Gibt es möglicherweise ein Bedürfnis, das sich für dich in diesem Gespräch erfüllt hat?

 

Feiern & Bedauern:

Freue dich, dass sich Bedürfnisse für dich in diesem Gespräch erfüllen und gleichzeitig bedauere/trauere darüber, dass es Bedürfnisse gibt, die sich nicht erfüllen.

 

Verbinde dich mit deiner Bitte:

Wenn dir jetzt eine Bitte einfällt, ob Handlungsbitte oder Verbindungsbitte an dich oder eine andere Person, dann kannst du sie formulieren.

 

Verbinde dich erneut mit deinem Gefühl und Bedürfnis, das du dir mit damit erfüllen magst.

 

Richtung: Selbst-Ausdruck

 

Für diesen Weg ist es hilfreich und unterstützend, die Verbindungsbitten im Rucksack zu haben. Zur Erinnerung, du kannst die andere Person fragen: 

 

  • Was hast du von mir gehört?
  • Wie geht es dir damit, was du von mir gehört hast?
  • Willst du wissen, was ich von dir höre?
  • Willst du wissen, wie es mir damit geht?

 

Auf dem Weg des Selbst-Ausdruck formulierst du

 

Deine Beobachtung: Du kannst dich dabei an Formulieren orientieren, die du gehört hast: z.B. "Wenn ich höre, du sagst „Ich bin der Meinung, dass die Masken uns sowieso nicht schützen…/Ich finde, die sollten doch endlich mal die Masken aufziehen/…“

 

Du verknüpfst deine Beobachtung mit deinem Gefühl und bringst es zum Ausdruck:

„dann bin ich genervt, frustriert, irritiert, besorgt, …, weil“

 

Und jetzt bringst du dein unerfülltes Bedürfnis zum Ausdruck

„… weil mir die Sicherheit/Wertschätzung/Selbst-Bestimmung/Gesehen werden/ … fehlt.“

 

Und jetzt schließe deine Verbindungsbitte an. 

Richtung: Empathie schenken

Auf diesem Weg schenkst du Empathie. Nix sonst. Du bist bei der anderen Person, bei der Person, die anderer Meinung ist. Du willst verstehen, aber du willst nicht einverstanden sein. Denn es geht bei Empathie allein darum, die Perspektive, die Sichtweise oder Motivation des anderen zu verstehen. Nicht darum, diese zu teilen, billigen oder zu deiner eigenen zu machen.

 

Auf diesem Weg vermutest du ...

 

... die Beobachtung der anderen Person. Du kannst beispielsweise fragen: „Denkst du vielleicht, dass es besser wäre, wir würden uns so oder so verhalten, wenn du sagst ...."

 

... das Gefühl der anderen Person: „Kann es sein, dass du besorgt, irritiert, verängstigt, unsicher, hilflos, ratlos, genervt, … bist…“

 

... das unerfüllte Bedürfnis: „...weil, du gerne mehr Klarheit, Transparenz, Wertschätzung, Entwicklung, Sicherheit, … hättest?"

 

Und auch hier sind die Verbindungsbitten hilfreich: „Was brauchst du jetzt?/Habe ich dich so verstanden, wie es dir wichtig ist?/Kannst du mir sagen, wie es jetzt für dich ist?“ 

Mir ist es wichtig, Mut zu machen für die Gewaltfreie Kommunikation. Mut zu machen, dran zu bleibn, in den empathischen Austausch mit unseren Gesprächspartner*innen zu gehen, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Den Mut zu haben, sich selbst verletzlich zu zeigen und die Verletzlichkeit der anderen auszuhalten.

 

 

Achja, ich wollte dir ja noch sagen, wie und warum ich zu meinem Fazit kam. Mir wurde heute morgen in unserer GFK Intervisionsgruppe erneut klar, wie wichtig es ist, verbindend zu bedauern und zu trauern. Gelingen kann es durch die 4 Schritte und auf den 3 Wegen. Dabei geht es nicht um Einverstanden sein, Bejahen der anderen Meinung oder Übernahme derselben. Für mich geht es um Verbindung. Die Verbindung herzustellen, auch und vor allem dann, wenn wir uns verbal kloppen, mit Argumenten überrollen und versuchen, die andere Person zu überzeugen. 

Hast du ähnliche Erlebnisse ? Wie geht es dir aktuell und was nervt dich am meisten? Tausche dich hier gerne mit uns und unseren Leserinnen aus.  Am liebsten über einen Kommentar, hier unter dem Blog-Artikel.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0